Shakespeares Pärchen

Shakespeares Pärchen

(Arbeitstitel)

4 Shakespeare Pärchen finden sich nach ihrem Tod in einer Paartherapie wieder. Dort werden sie in Einzel- und Gruppensitzungen mit ihren Beziehungsmustern, ihrer Vergangenheit und dem 21. Jahrhundert konfrontiert.

Bei dieser Stückentwicklung wird Regisseur Charly Vozenilek mit Schauspieler*innen und Tänzer*innen eine Theaterproduktion erarbeiten, welche neue Wege in Synergie von Sprech-, Tanz- und Bewegungstheater sucht.

Im inhaltlichen Fokus stehen:

  1. Die unterschiedlichsten Beziehungsmuster aufzeigen und eine Diversität von selbstbestimmten Geschlechterrollen und Beziehungsmöglichkeiten thematisieren.
  2. Die Aufarbeitung ihres Weges durch die Stücke von Shakespeare.
  3. Die Konfrontation mit dem 21. Jahrhundert im technischen und zwischenmenschlichen Bereich.

Im künstlerischen Fokus stehen:

  1. Die Verbindung von Sprech-, Tanz- und Bewegungstheater
  2. Authentische und zeitgemäße Rollen
  3. Simultanes Spiel und zeitgenössisches Theater

Die Stücke von Shakespeare (Rome und Julia, Hamlet, Othello, Macbeth und Viel Lärm um nichts) geben den Schauspieler*innen eine Fülle von tiefgründigen Gedanken, konfliktreichen Begegnungen, dramatischen Ereignissen und bewegten Biografien mit auf den Weg. Bei uns treffen auch die Figuren aus den unterschiedlichen Stücken aufeinander, was sowohl für die Proben als auch für die Zuschauer*innen eine Erweiterung und Bereicherung darstellt. In den Proben werden die Darsteller*innen eingeladen eigene Erfahrungen in die Rollengestaltung mit einfließen zu lassen, um eine zeitgemäße und authentische Note zu erreichen.

Folgende Fragen werden aufgeworfen: Welche Beziehungsmuster hat meine Rolle und welche habe ich persönlich? Wie werden die Pärchen in der Therapie miteinander umgehen, wenn sie die ganze Shakespeare-Geschichte bis zu ihrem tragischen Tod im Kopf haben? Werden sie die gleichen Fehler wieder machen? Werden sie zusammenbleiben oder neue Partner suchen und finden? Wie kann eine gleichberechtigte Beziehung aussehen und wie nicht? Will ich eine gleichberechtigte Beziehung? Welche neuen Technologien und Kommunikationsmöglichkeiten hat die Zeit hervorgebracht und wie geht man, von heute auf morgen, damit um? Welche Formen von Beziehung gibt es? Soll ich meinem Verstand oder meinem Herzen folgen? …

Als Vorlage für die Tänzer*innen bedienen wir uns der Vorstellung von 7 Tugenden und Todsünden (Hochmut – Demut, Habgier – Mildtätigkeit, Wollust – Keuschheit, Zorn – Geduld, Völlerei – Mäßigung, Neid – Wohlwollen und Trägheit – Fleiß). Nicht ausgesprochene Gedanken und Gefühle bekommen dadurch einen Körper, der durch Bewegung und Interaktion mit den Schauspieler*innen, der Bühne und Gegenständen eine neue Ebene schafft, um weitere und selbstreflektierende Interpretationen für den Zuschauer zu generieren.

Die Vorstellung von 7 Todsünden, bzw. Tugenden, bringt natürlich katholisch-konservative Konnotationen mit sich. Wir wollen damit die Institution der Kirche und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft widerspiegeln. Vor allem im ländlichen Bereich haben klassisch-religiöse Vorstellungen noch großen Einfluss auf das Bild einer Partnerschaft.  Dieses Bild beschränkt sich auf Mann und Frau (wobei dem Mann die dominante Rolle zukommt) und unterdrückt die Diversität von Beziehungen. Dies führt zur Diskriminierung von Menschen, deren geschlechtliche Identität oder sexuelle Orientierung nicht der heteronormativen Norm entspricht.

Unser Setup arbeitet mit der Startvorgabe von Shakespeare, d.h. mit klassischen Beziehungen von Mann und Frau, bei denen die Geschlechterrollen fast ausnahmslos klar verteilt sind. Dieses einseitige Bild möchten wir nach und nach untergraben, so dass, unabhängig vom Geschlecht, ein Prozess der Selbstbestimmung in Gang kommt. Dabei kommen verschiedene Themen ins Spiel: Gleichberechtigung, Beziehungen auf Augenhöhe, Auflösung patriarchaler Strukturen, Offenheit für andere und neue Beziehungsformen, homosexuelle Beziehungen, queere Lebensformen, …. Am Ende steht eine größere Diversität Shakespeares Paarstrukturen gegenüber, in der auch moderne Herausforderungen Platz haben, wie Einsamkeit trotz social media oder Lustlosigkeit trotz endloser Konsummöglichkeiten.

Das simultane Spiel ist ein wesentliches Merkmal unseres Theaterstils. (Bei einem Projekt mit 115 Mitwirkenden in Kooperation mit der Mittelschule Kaindorf, haben wir ein Stück verwirklicht, bei dem ein ganzer Gebäudekomplex simultan bespielt und belebt wurde, während das Publikum sich frei bewegen konnte. Ein Erlebnistheater welches uns tief beindruckt hat. Die Pandemie zwingt uns leider zu kleineren Dimensionen des simultanen Spieles zu greifen.) Wir wollen dadurch Möglichkeiten erschaffen, neben dem Hauptfokus auch andere Bilder und Szenen gleichzeitig zu zeigen. Die Bühne soll lebendig werden und weitere Ebenen öffnen. Parallelgeschichten können gesponnen werden und ein differenzierterer Blick auf Charaktere wird ermöglicht.

Plot (da es sich um eine Stückentwicklung handelt, kann es sich noch stark ändern):

Intro

Nachtstimmung. Nebel. Ein Suchscheinwerfer tastet die Bühne ab. In einer Art Medley werden die Todesszenen der einzelnen Pärchen gezeigt. Die Tänzer*innen, als mystisch-groteske Wesen, stellen umgebende Gestalten und Mordwerkzeuge dar und manipulieren die Protagonist*innen in ihre Todes-Verrenkungen. Mittendrin die Hochzeit von Benedikt und Beatrice (Viel Lärm um nichts). Der Todeskampf geht über in ein Fest der Liebe. Mit “Ja ich will!” und dem obligatorischen Kuss endet die Szene. Black.

Hier möchten wir einerseits mit den Originaltexten von Shakespeare arbeiten, und andrerseits abstrakte und skurrile Bilder erzeugen. Das Ende des Intros ist zugleich der Übergang ins 21. Jahrhundert.

Bild 1 (Zentrum für Paartherapie/Warteraum/21. Jahrhundert):

Der Nebel verzieht sich. Plötzlich Grelles Licht. Die 4 toten Shakespeare Pärchen erwachen in einem Raum mit vielen Türen und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Panik, gegenseitige Beschuldigungen und Tröstung bestimmen das Geschehen. Erste Fragen werden gestellt: „Warum sind wir hier? Was ist mit uns passiert? Sind wir tot?“ Eine Stimme aus einem Lautsprecher (Therapeutin/Beatrice) bittet die Beteiligten zusammenzuarbeiten. Wollen sie mehr über ihre Situation erfahren, sollen sie den Anweisungen Folgen. Erste Aufgabe:  Mit ihren Körpern gemeinsam eine Figur bilden, die einen Pegasus darstellt, also ein geflügeltes Pferd. Sie haben 3 Minuten Zeit dafür.

Noch immer irritiert und fassungslos über den Umstand, dass sie plötzlich wieder leben, versuchen sie dennoch, die Herausforderung anzunehmen. Eine Diskussion entfacht. Lady Macbeth versucht die Führung zu übernehmen, doch Othello verhindert es in Manier eines Feldherrn. Eine Einigung scheint unmöglich. Streit und das Aufbrechen alter Beziehungsmuster beherrschen die Szene. Ein Signalton beendet das Chaos. Ein Countdown für die letzte Minute beginnt. Es wird hektisch. Die Protagonisten entscheiden sich zur Zusammenarbeit und kreieren eine Figur, die mehr oder weniger einem Pegasus ähnlich kommt. Ein Therapeut (Benedikt) erscheint und bittet Romeo und Julia mitzukommen. Die Drei verschwinden durch eine Türe in einen weiteren Raum, den man vom Publikum aus sehen kann. In der Zwischenzeit verkündet die Lautsprecherstimme die nächste Aufgabe. Wieder gilt es, eine Figur zu gestalten. Diesmal einen überdimensionalen Rosenstrauch. Nach wie vor orientierungslos rätseln die Übriggebliebenen, ob man hier überhaupt etwas richtig oder falsch machen kann, und warum Romeo und Julia weggebracht wurden. Der Fokus verlagert sich auf den Therapeuten Benedikt und das Pärchen Romeo und Julia. Die andere Szene wird nonverbal weitergespielt.

Bild 2 (Therapieraum):

Warme Beleuchtung. Räucherstäbchen. Ätherische Musik.

Der Therapeut bittet Romeo und Julia auf einer großen Stoffblume Platz zu nehmen. Die Paarsitzung beginnt. Romeo und Julia werden mit Fragen, ihr Beziehungsmuster betreffend, konfrontiert. Im Raum befinden sich auch gesichtslose Tänzer*innen und interagieren scheinbar unsichtbar mit dem Pärchen. Julia akzeptiert sehr bald die absurde Situation. Romeo blockt ab: Sie wären frisch verliebt und hätten gar keine Probleme. An dem tragischen Ende seien allein die Anderen schuld, vor allem die Eltern. Benedikt stellt infrage, ob Romeo überhaupt bereit für eine Beziehung ist, und fragt ihn was denn mit dieser Rosaline gewesen sei. Eine hitzige Diskussion entfacht. Schuldzuweisungen, Abwehrmechanismen und Emotionen kommen zum Vorschein. Die beiden drohen sogar, sich noch einmal umzubringen. Der Therapeut versucht ihnen zu erklären, dass sie hier eine 2. Chance haben und sich den Herausforderungen stellen sollen, damit sie nicht wieder die gleichen Fehler begehen, die sie in der Vergangenheit in den Tod getrieben haben. Er gibt ihnen eine Box und verlässt den Raum.

Bild 3 (Romeo und Julia in der digitalen Welt)

Das Pärchen öffnet die Box und nimmt erstaunt zwei Gegenstände heraus (Handys). Lichtwechsel. Die Tänzer*innen verführen die Beiden zu einem Spiel mit den Handys. Ein neuer Kosmos eröffnet sich: Die digitale Welt. Romeo und Julia, anfangs überfordert, zeigen zusehends Interesse und schließlich auch Begeisterung. Die Performances entwickelt sich zu einem surrealen Reigen, der die Beteiligten ins Zentrum der neuen Kommunikationsmittel entführt. Mit Videoprojektionen wird dies verdeutlicht. Plötzlich tauchen Romeo und Julia mitten in einem Tik Tok Video auf, swipen sich durch Tinder und Co und landen erschöpft in Wikipedia. Der Fokus wandert langsam wieder zurück zum Warteraum.

Bild 4 (Warteraum):

Nach dem die Zeit für die Figurengestaltung abgelaufen ist, kommt Therapeutin Beatrice und hält ein Taschentuch in die Höhe mit der Frage, wem dieses Taschentuch gehöre. Othello und Desdemona wirken schockiert, da sie das Taschentuch wiedererkennen. Es ist für sie das Symbol für ein Drama, welches sie lieber nicht durchlebt hätten. Während Othello sichtlich verzweifelt, geht Desdemona nach vorne und holt sich das Taschentuch. Die Therapeutin spricht von einer 2. Chance für alle und geht.

Weiterführende Gedanken:

Im Laufe der Handlung werden sich die vier Pärchen im Rahmen des Therapieaufenthaltes durchmischen. Diese Konstellationen ermöglichen viel Spielraum für neue Geschichten, Emotionen und Überraschungsmomente.

Verliebt sich Hamlet in Desdemona? Schmieden Ophelia und Julia ein Komplott? Kommen sich Romeo und Othello näher? Schaffen es die Macbeths, niemanden umzubringen? Scheitert die Liebesbeziehung von Beatrice und Benedicte, was zur Folge hat, dass die immer mehr in die Therapie vertrauenden Klienten sich selbst überlassen sind? Werden Beziehungsmuster aufgebrochen oder bleibt alles beim Alten?       

Im Rahmen der Stückentwicklung werden wir uns gezielt der dramaturgischen Fäden von Shakespeare bedienen. Auch ein großes Finale am Schluss ist angedacht. Wie das Stück jedoch tatsächlich zu Ende gehen wird, ob es Tode zu beklagen gibt, oder niemand übrig bleibt, um jemanden zu beklagen, oder ob die Protagonist*innen die Erleuchtung erlangen oder einfach hinter einer Tür verschwinden, all das und noch mehr wird sich während des Probenprozesses herausstellen und entwickeln.